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31.01.2020

Siezt du noch oder duzt du schon?

Social Media-Kommunikation - mehr als eine Frage der Anrede

- Ein Kommentar von Susanne Czernick -

„Auf Twitter und Co immer fleißig duzen“, gibt Rezo den Lesern seiner Kolumne auf Zeit Online mit auf den Weg. Anlass ist eine Auseinandersetzung auf Twitter Ende Januar. „Noch sind wir nicht per Du. Ist dies die Arroganz der Macht?“, hatte ein Follower der SPD-Vorsitzenden Saskia Esken auf einen Tweet geantwortet. Die twitterte schlicht zurück: „Das ist Twitter.“

Stimmt, Social Media haben viel verändert. Doch Social Media-Kommunikation ist mehr als nur eine Frage der Ansprache. Viel wichtiger als die Formalie Du oder Sie empfinde ich die Sprache insgesamt und bedauere eine Rückentwicklung auf ein allzu schlichtes Gebrauchsniveau.

Viele Posts und Tweets auf Unternehmenskanälen verschenken damit kommunikatives Potenzial. Sprache tritt hinter den Inhalt zurück, den sie doch so viel besser zur Wirkung bringen könnte. Das ist schade in einer Zeit, in der wir akribisch an Leitbildern feilen, Visionen in edle Worte kleiden und Missionen peinlichst genau ausformulieren. Image, so habe ich es einmal bei einem klugen Kommunikationslehrer gelernt, ist die Summe aller Eindrücke. Auch der allerkleinste Tweet trägt dazu bei, egal ob in Du oder Sie.

Damit zurück zu Rezo: Er dankt Esken für die knappe Aufklärung und dreht in seiner Kolumne den Spieß der Konvention um: Er bezeichnet es als tendenziell respektlos, im Netz gesiezt zu werden. Das grundlegende Problem der Du-Sie-Konvention sei, dass sie fundamental auf der Ideologie basiere, Menschen in eine hierarchische Struktur einzuordnen. Es gehe in der Folge darum, geliebte Machtstrukturen auszuweiten und diese veraltete Konvention in Räume vordringen zu lassen, die in ihrer Entwicklung bereits weiter seien.

Rezo und mich trennen ein paar Jahre. Das ist nicht gut und nicht schlecht, sondern einfach so. In einer Glosse habe ich vor einigen Jahren die genau gegenteilige Position bezogen. Und noch vor gar nicht langer Zeit habe ich den Duz-Brief einer skandinavischen Bank mit Kopfschütteln quittiert und noch einmal geschaut, ob er tatsächlich eine Finanzdienstleistung anpreisen sollte oder doch eine Schrankwand.

Die provokant selbstbewusst formulierten Zeilen Rezos zeigen seine Wahrnehmung der Sache. Auch wenn ich persönlich eine andere vertrat, Wahrnehmung kann sich wandeln. Social Media tragen dazu bei. Wenn sie sprachlich mehr tun, als plump anzuduzen, bin ich dabei.

 

Mehr zur Social Media-Sprache hier und hier


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