Mein bester Freund heißt Zufall

Mein bester Freund heißt Zufall

Über manchmal schwieriges Deutschsein und doch etwas Mutterlandsliebe

Es steht uns Deutschen gut an, wenn wir im Ausland ein bisschen bescheiden auftreten, ein bisschen zurückhaltender sind. Wir tragen Verantwortung und müssen verstehen. Als Austauschschülerin lebte ich ein paar Wochen bei einer französischen Familie nahe Paris. An einem warmen Sommertag ging ich spazieren und sonnte mich auf einer Parkbank. Ein älterer Herr grüßte freundlich, setzte sich neben mich und wir begannen zu plaudern. Über das Wetter, den schönen Park … Nach einer Weile bemerkte er, ich spräche recht ordentlich französisch hätte aber einen leichten Akzent, woher ich käme. Ich antwortete wahrheitsgemäß. Im Aufstehen raunte er: „Sale boche“. (Sale=dreckig, boche=siehe Wikipedia)

Als Mitarbeiterin einer französischen Firma sprach ich später regelmäßig in Paris über Deutschland als wichtigsten Absatzmarkt für bestimmte französische Produkte. Ich bemühte ich mich stets, dies sachlich und zurückhaltend zu tun. Über Eckdaten wie Einwohnerzahl, Marktvolumen oder Bruttoinlandsprodukt ging ich mit leiserer Stimme zügig hinweg. Die deutsche Wiedervereinigung war gerade vollzogen. Unnötig, Marktmacht zu manifestieren. Sie war da. Ebenso wie die französische Sorge über die gewachsene Bundesrepublik.

Warum so zurückhaltend? Weil es reiner Zufall war, dass ich hier „für Deutschland“ stand, so, wie meine Kolleginnen und Kollegen für Märkte wie Portugal, die Niederlande, Dänemark, die Schweiz, Asien oder die USA. Weil es reiner Zufall ist, dass ich in Deutschland geboren bin, von deutschen Eltern, deren Wurzeln im Ruhrgebiet, in Westfalen aber auch in der französischen Schweiz und dem polnisch-tschechischen Grenzgebiet lagen. Ich hätte ebenso gut in Kiew zur Welt kommen können, in Luhansk, Belarus, irgendwo in der Nähe von Novosibirsk, in einem Pariser Vorort, in Indien, New York, Grönland, Burkina Faso, Hongkong oder Lima.

Ich kann nicht stolz sein auf einen Zufall. Wohl aber kann ich ein bisschen stolz sein, wenn wir zumindest versuchen, es besser zu machen. Gerade vor dem Hintergrund unserer Geschichte. Meine Londoner Freunde konnten nicht verstehen, dass die Deutschen den Auftrag für die neue Kuppel des Reichstagsgebäudes an einen Briten vergeben und nicht an einen deutschen Architekten. In solchen Momenten spüre ich doch etwas Mutterlandsliebe, Nationalstolz für Nicht-Nationalismus. So wie am Rosenmontag 2022, als die rheinischen Jecken deutsches Brauchtum und die Schaumkrone ihres Lebenselixiers einem höheren Gedanken widmeten.

Damit kein Missverständnis entsteht: Mein bester Freund ist Franzose, er könnte aber auch Ukrainer sein oder Russe. Er heißt: Zufall.

Susanne Czernick, Akademie Führung und Kommunikation

(Foto: Adobe Stock)